Bauchweh und Sterne

Es war eine Zeit, in der die Kinder noch draußen spielten und für ein Kind der Zeit "Wunder" entdeckten. Wunder wie einen Arm der Milchstraße am dunklen Nachthimmel, Wunder, wie ein Schwarm von Schmetterlingen, die in der Sonne tanzten. Es gab so viele unvergessliche, wunderschöne Dinge...

Ich erinnere mich. Wir Kinder, wir waren zwei Mädels und zwei Jungen, lebten mit unseren Eltern in einem kleinen, von unserem Vater selbst gebauten Häuschen. Es war ein typischer Nachkriegsbau, es gab kein fließendes Wasser, keinen Strom, kein Fernseher. Ein Kofferradio, nicht so ein furchtbarer Gettoblaster, die kamen erst später auf, versorgte uns mit Nachrichten und Musik.

Einmal in der Woche gab es die sogenannte Schlagerparade und ich schnappte mir immer das Radio, legte mich auf das Sofa und hörte mir die Sendung an. Ja, es war schön und ich konnte wunderbar dabei träumen. Oder an einem anderen Abend, ich liebte diesen besonders, saßen meine Mutter, mein Vater und wir Kinder in der Küche und hörten uns ein Hörspiel im Radio an. Der Küchenherd, so ein großer, weißer mit Backröhre, in der Mam immer wundervolle Kuchen backte, sorgte für wohlige Wärme und der Feuerschein warf tanzende Lichter durch die Feuerringe an die Decke. Es waren schöne Tage und Abende, wenn auch nicht immer einfache Jahre.

 

Heute denkt wahrscheinlich jeder nur, wie furchtbar das gewesen sein musste. Kein Wasser, kein Strom also auch kein Licht, kein Fernseher und... vielleicht auch noch ein Plumpsklo... wie furchtbar.
Nein, das war es überhaupt nicht. Jaaa, wir hatten ein  Plumpsklo und mussten sogar über den Hof, wenn der Bauch nach Entlastung verlangte, am Tag, bei Nacht, bei Hitze und Kälte sowie bei Schnee und Frost. Manchmal habe ich gedacht, wenn ich nicht daran denke, dann geht das vorbei. Aber das tat es nicht, der Bauch begann zu gluckern oder sogar zu knurren und schließlich auch zu kneifen. Es half alles nichts, also eine Kerze anzünden, die Flamme mit der Hand schützen und los ging es.  Natürlich, als Kind war es manchmal etwas gruselig, besonders wenn es dunkel war. Oder gaaaanz besonders in der Nacht. Dazu muss man wissen, unser Häuschenstand ziemlich allein auf weiter Flur. Um uns herum Felder und Bäume, keine 50 Meter entfernt begann ein Wald, eigentlich ideal, nein herrlich für Kinder, doch im dunkeln schon mal unheimlich. Also wenn es in der Nacht drängte und das Klo immer lauter rief wurde habe ich zunächst einmal meinen Bruder angesprochen. Ach ja, das war auch so eine Sache, wir vier schliefen in einem Raum und es hat uns nicht besonders gestört. Also ich tabberte durch den Raum und tippte meinem Bruder auf die Schulter. Im Flüsterton habe ich ihn angesprochen "Tom...Toom..." und "Tohoom ich muss maaal...". Wenn ich Glück hatte, stand er ohne ein Wort auf und brachte mich raus. Aber es kam auch vor, dass er sich die Decke über die Ohren zog und sowas wie "Dann geh doch - ich schlafe...". Da stand ich nun und mein Bauch wollte einfach keine Ruhe geben.

Meine nächsten Zielpersonen waren meine Schwestern, was sollte ich auch tun? "Selma...Seeeelmaaa" und wenn dann ein unwilliges "Hmmh" kam dann habe ich erst einmal gefragt "...schläfst du..."? Die Antwort war klar "Hhmmjaaaa...". Sie wollte mich offensichtlich veralbern, Schlafende reden doch nicht. "Selmaaa, ich muss mal - dringend". Diese Tatsache aber beeindruckte sie nicht besonders "Dann geh doch, lass mich schlafen, ich muss Morgen zur Schuleeee...", dabei fuchtelte sie mit einer Hand in der Luft herum und deutete mir ganz klar an, dass ich abhauen sollte. Und überhaupt, was sollte dieses Handwedeln? Na ja, ich hatte keine Lust, mir noch eine Abfuhr von Lilli zu holen, also gab ich mich geschlagen und schlich zur Tür. Also leise sprechen und in der Nacht leise sein war Ehrensache, denn mein Vater hatte einen schweren Beruf und fuhr jeden Tag mit dem Fahrrad auf die Baustelle.

Das bedeutete natürlich, dass ich die Türen auch leise öffnete, vorsichtig durch einen Spalt in den dunklen Flur dahinter schaute, da war nichts. Tür angelehnt, druch den Flur zur Außentür, einen Spalt geöffnet, nach draußen gesehen und ich machte mir beinahe in die Hose. Rumms, ein Windstoß pfiff durch den Flur und knallte die Tür hinter mir ins Schloss. Man muss das verstehen, ich hatte sie nicht ganz geschlossen, denn wenn Gefahr drohte, musste ich doch schnell wieder zurück in mein Bett, da konnte ich doch nicht alle Türen schließen... na ja, jetzt war es egal, denn von der anderen Seite kam verschlafenes Schimpfen unter den Decken hervor. Ich bitte um Verständnis, wenn ich die kindlichen Kraftausdrücke hier nicht wiederholen möchte. Was blieb mir also übrig, als über den Hof zu tabbern, wobei ich in den Himmel schaute. Da wir wie gesagt auf dem Land lebten, konnte ich unglaublich viele Sterne sehen und manchmal sogar ein Stück von einem Arm unserer Milchstraße. Damals fand ich es nur schön, denn ich wusste natürlich noch nichts von Galaxien und dem Universum. Dann knackte irgendwo ein Ast und ein Uhu rief, was mich dazu bewegte noch im Laufschritt die Hose fallen zu lassen, mich auf die kalte Holzbrille setzen, schnell abdrücken, noch schneller abputzen, Hose hoch und im Galopp über den Hof durch die erste Tür ins Haus "Rums", die zweite Tür...laaaisssee... und die letzte "peng" ohu Mann, wieder schief gegangen. Mit einem Satz ins Bett, Decke über die Ohren und so tun, als wäre ich nicht da. Und da zeigte sich dann immer, das Strohsäcke nicht nur angenehm dufteten, sie rascheln auch leise bei jeder Bewegung und... sie wärmten wundervoll und es war einfach gemütlich. Ich fühlte mich dann sehr schnell wieder sicher und geborgen. Manche Erinnerung schmerzt ein wenig - besonders wenn ich an die überteuerten Matratzen von heute denke.