Mist streuen mit Kinderwagen

Also Kinderwagen erinnern mich immer an Mist ausfahren. Nein, nicht so wie Sie denken, meine Tochter lag auch in einem Kinderwagen und war der süsseste Fratz, den man sich vorstellen kann... na ja, das sagen alle Eltern.
Nein, ich meine wirklich Mist ausfahren, denn genau das haben mein Bruder und ich als Kinder getan. Ok, er hatte den Vorteil, dass er sechs Jahre älter ist und damit auch ein Stück größer. Er hatte aber auch den Nachteil und in diesem Fall war es ein Nachteil, dass er über etwas mehr Kraft verfügte und die Last also bei ihm lag.

Also, mein Vater war ein - ja wie soll ich sagen - er war am besten mit einem Heimwerkern zu vergleichen. Er baute nicht irgend etwas mit modernen Maschinen im Keller oder auf dem Wohnzimmertisch, wie heutige Heimwerker, wobei letzteres ihm auch massig Ärger mit meiner Mutter eingebracht hätte, er baute Getreide und Kartoffeln auf gut zweitausend Quadratmeter Acker an - und zwar von Hand. Jaaaa und da mussten wir Jungs dann schon mal mit ran und bekamen auch schon mal heftig Ärger, wenn wir im Roggen- Hafer- oder Weizenfeld verstecken spielten. Das Problem bei Getreide war, dass nicht immer ein Bauer Zeit hatte mit seiner Maschine das Feld meines Vaters zu ernten, dann musste er es mit der Hand machen. Leider aber ist Getreide schneiden mit der Sense nicht so einfach wie manche glauben. Sieht ja einfach bis elegant aus, wenn da ein Mann oder auch eine Frau so eine Sense im eleganten Bogen zur Seite, nach hinten und dann wieder nach vorn schwingt und das Getreide umfällt. Die Eleganz blieb aber häufig auf der Strecke, besonders wenn das Getreide vom Wind - oder von uns - flach gelegt war.

Dabei fällt mir ein, mein Vater hatte von einem Bauern auch einmal einen kleinen Traktor gekauft. Das war so ein kleiner Lanz. Um ihn zu starten, musste man noch einen Zündstift in eine Zündhülse stecken und diese dann in die dafür vorgesehenen Stelle am Motor einschreiben. Dann musste man so 30 Sekunden vor glühen. Keine Ahnung, wie das funktioniert, man zog einen Hebel und wartete, dann kam der wirkliche Akt. Vorne am Traktor gab es eine Loch, dort steckte man eine Kurbel ein und dann war Muskelschmalz gefragt. Meistens sprang die Mühle auch nach einer oder zwei Umdrehungen an, manchmal aber sprang sie auch sofort an und wenn man Pech hatte, gab es an der Kurbel einen Rückschlag. Das bedeutet, dass die Kurbel vom Motor schlagartig rückwärts geschleudert wurde und wenn man nicht aufpasste, dann gab es schon mal blaue Flecken oder einen gebrochenen Arm - das war aber ehre selten. Auf jeden Fall war es immer ein heiden Spaß, mit dem Trecker über den Acker zu preschen, eine Egge hinten dran und ab ging die Post. Schwieriger war das Pflügen. Warum die Furchen immer beinahe perfekt gerade gezogen werden sollten, habe ich nicht verstanden aber mich redlich bemüht. Immerhin konnte man nicht auf den Gedanken kommen, dass man in einem Zengarten wäre, nachdem ich mit pflügen fertig war...

Aber eigentlich geht es in dieser Erinnerung doch um das Mist ausfahren... Na ja, war immer wieder mal nötig. Zum einen war er gut als Dünger für den Boden unserer Ackerfläche und man glaubt es kaum, aber Schweine sind sehr saubere Tiere - wenn man sie lässt. Die heutigen Mastbetriebe treten ja immer wieder durch heimliche oder öffentliche Filmaufnahmen ins Licht der Schande, durch Tierquälerei. Die Tiere stehen oder liegen auf dreckigen, verkoteten Gitterböden. Was sollen sie auch machen, sie können ja nirgendwo hin. Häufig haben sie furchtbare Wunden, die nicht heilen... man müsste diese Tierquäler Mastbetrieb Betreiber teeren und federn.
Nun ja, unseren Schweinen ging es gut. Sie hatten jederzeit die Möglichkeit ihren geräumigen Stall (so rund 15 m²) durch eine Klappe zu betreten oder zu verlassen, in dem sie maximal zu zweit lebten. Der Boden war reichlich mit Stroh ausgestreut, worin sie ihre Schlafmulde bauten. In einer Ecke des Stalls aber hatten sie praktisch ihr Klo, dort legten sie sich auch niemals hin. Der Stall und insbesondere die Exkrementen ecke musste also regelmäßig gesäubert werden, wodurch natürlich ein Haufen Mist zusammenkam. Und dieser Mist musste von Zeit zu Zeit auf dem Acker verteilt werden.
Also sprach mein Vater am Morgen, bevor er sich auf sein Rad schwang und auf die Baustelle radelte, auf der er als Polier tätig war: "Jungs, heute müsst ihr den Mist auf dem Kartoffelacker ausstreuen". Oh Mann, unsere Gesichert waren wirklich kein Ausdruck von Freude... na ja, eigentlich ist es ja gar nicht so schlimm, nur der Geruch...

Es half alles nichts. Nach der Schule (oh ja, damals mussten wir nach der Schule noch etwas wertvolles für die Familiengemeinschaft tun und uns nicht von Computer- und/oder Handyspielen verblöden lassen) - Also nach der Schule ging es los. Wir beluden eine Schubkarre und los gings. Es war allerdings mühsam und da so eine Schubkarre ja nur ein Rad hat, kamen wir höchst selten auf dem Acker an, ohne dass die Karre nicht wenigstens einmal umgefallen wäre und neu beladen werden musste. Man darf nicht vergessen, wir waren gerade mal 12 und 6 Jahre jung und eine Schubkarre voller Mist ist eine Schubkarre voller Mist mit einem gewissen Gewicht. Mein Bruder schob also diese verflixte Karre und ich streute mehr schlecht als recht den Mist auf den Acker. Aber dann hatten wir eine zündende Idee...
Im Schuppen stand noch mein alter Kinderwagen. Keine Ahnung warum, doch das ist wohl so ein Mütterding "Aufheben von Dingen, mit denen sie heranwachsende Männer an ihre Windelzeit erinnern können". Na das funktioniert leider nicht unbegrenzt und wir hebelten dieses Glucken-gen jetzt aus. Wir schnappten uns den Kinderwagen und beluden ihn in ungeahnter Geschwindigkeit mit Mist. War er erst einmal voll beladen, so dachten wir, würde unsere Mutter nichts mehr dagegen unternehmen. War ganz schön schweißtreibend. Beladen des Wagens und auf den Acker ziehen wo wir ihn wieder recht zügig entluden. Es musste ja alles sehr schnell gehen, damit der Wagen so richtig verdorben wurde und unsere Mutter ihn ganz sicher nicht mehr aufbewahren würde. Als wir zurück zum Misthaufen kamen stand unsere Mutter daneben. Ihre Frage: "Was habt ihr euch denn dabei gedacht?" erforderte schuldbewusste Gesichter und gesenkte Blicke von uns. "Na ja... die Schubkarre... und der Wagen ist..." stotterten wir abwechselnd und dann traf es uns wie ein Schlag. Das hätten wir nicht erwartet und in Anbetracht unserer Gefühle und unseres leisen, schlechtem Gewissen war das einfach nicht fair. "Gute Idee" sagte sie und ließ uns sprichwörtlich stehen wie Pinguine in der Wüste. Was hatte sie gesagt? Das ging ja gar nicht. Wir gaben uns alle Mühe ihre mütterliche Vergebung zu wecken und sie sagte nur "Gute Idee"?!

Wir sahen uns an... grinsten zaghaft und machten uns schweigend wieder an die Arbeit. Da ich aber nicht besonders groß war, hatte ich auch beim Mist ausstreuen keine besondere Reichweite und so kam mein Bruder auf die glorreiche Idee, dass ich mich auf den Mist im Wagen stellen sollte und von dort den Wagen entladen sollte. Wer schon einmal versucht hat in einen Kinderwagen zu klettern, aus dem man heraus gewachsen war und der auch noch voller Mist war... na ja, es kam wie es kommen musste. Ich lag auf dem Mist, noch bevor ich das erste Mal darauf stand. Also aufgerappelt mit dem allseits bekanntem "buäää" und mein Bruder begann den Wagen über den Acker zu ziehen. Es dauerte keine drei Meter und ich lag wieder im Mist, rappelte mich wieder auf, schaffte eine Mistgabel aufzunehmen und auf das Feld zu streuen. Dummerweise aber hoppelte der Kinderwagen just in dem Augenblick über einen Stein und ich flog im hohen Bogen samt dem Mist aus dem Wagen ins Feld. Himmel hatte ich die Faxen dicke... Aber wie das so ist, wir waren damals sehr viel härter als heutige Jugendliche und so erledigten wir unsere Arbeit.
Zumindest meiner Kleidung wurde am Ende eine weitere Existenz versagt und obwohl ich gern in der Wanne saß, das Reinigungsverfahren durch meine Mutter... weiche Waschlappen? Zarte, weichgespülte Handtücher? Ach vergessen wir´s.