Sommer auf dem Kartoffelacker

Also wenn ich mich daran erinnere, dann erlebe ich eine regelrechte olfaktorische Haluzination, denn ich habe diesen typischen Geruch eines trockenen Kartoffelackers in der Nase.
Damals war es noch so, dass die Menschen sich halfen. Das bedeutete, wenn ein Mann für seine Familie ein oder zwei Felder mit Getreide bestellte, oder eines mit Kartoffeln und anderem Gemüse, dann gab es in der näheren Umgebung einen Bauern, der bereit war früh am Morgen, mit seinen Maschinen vorbei zu kommen und die Kartoffeln aus dem Boden zu holen. Meine Familie brauchte sie dann nur einsammeln und in den Keller zu bringen. Na jaaaa, ...nur einsammeln..., mit den eigenen Kartoffeln war das so eine Sache. Es war sehr warm, der Boden trocken also staubig und die Kartoffelreihen wollten kein Ende nehmen. Nun war unser Kartoffelacker nicht einmal halb so groß, wie bei den Bauern, doch es gab einen ganz gravierenden Unterschied: Wir wurden für das Kartoffel einsammeln nicht bezahlt - ganz anders, wenn ich bei einem Bauern zum Kartoffel sammeln ging.
Und obwohl ich fast immer einer der Jüngsten war und obwohl auch immer wieder mal so richtige Fieslinge dabei waren (Einer der Gründe, warum ich in meinem weiteren Leben Hinterhältigkeiten nie verziehen habe), bin ich jeden Somme zum Bauern gegangen und habe seine Kartoffeln eingesammelt. Die fiesen Typen konnten es nicht vertragen, wenn andere schneller waren, als sie selbst und unter den reifen Kartoffeln gab es immer so kleine, grüne Knollen. Besonders die größeren Jungs machten sich dann eine Spaß daraus uns Kleineren diese Knollen mit Schmackes aufs Hinterteil zu schmettern. Na ja, Kartoffeln sammelt man auf den Knien und dabei wird der Achtersteven halt nach hinten rausgestreckt... verdammt so eine kleine Kartoffel zwiebelt gewaltig. Besonders wenn so ein Schw...priester eine Zwille dabei benutzte. Wenn die Knolle dann das anvisierte Hinterteil traf, dann flitzte ich mit wilden Sprüngen über den Acker, wobei ich mir meine hintere Pufferzone hielt und quiekende Laute ausstieß. Das einzig Gute war, dass wenn der Bauer den Zwillenbesitzer erwischte, dieser im hohen Bogen vom Acker flog.
Manchmal kam es dann aber auch zu einem kleinen Wettstreit. Wir sammelten um die Wette, was uns natürlich Lob und am Abend einen kleinen Bonus einbrachte. Aber wenn unser Vorsprung nicht nur unter uns sondern auch zu den anderen Sammlern zu groß war, dann kam es vor, dass der Bauer mit einer Forke hinter uns den Acker aufkratzte und wehe er fand eine Kartoffel... Tja, dann waren wir echte Gewinner, wir durften dann so 50 Meter zurück und unsere Reihe noch einmal durchsuchen.
Toll waren immer die Pausen. Es gab zwei. Zum Mittag brachte die Bäuerin einen großen Korb mit Stullen, die dick mit Butter bestrichen und noch dicker mit Wurst belegt waren. Dazu gab es Milch von den eigenen Kühen. Es war beinahe der Himmel auf Erden.
Gegen 18:00 Uhr dann war Feierabend. Jaaa, hört sich nach Kinderarbeit an. Oh wie ich diese Humanitätsscheißerei verachte. Damals haben wir das auf eigenen Wunsch getan, niemand musste Kartoffeln sammeln oder Getreide mit einfahren, wir taten es, weil es uns Spass machte und wir ein Taschengeld dafür bekamen, dass wir für uns behalten durften. Heute... wenn ein 12 oder 14 jähriger mal eine Zeitung aus dem Regal nimmt, dann schreit sofort irgend so ein Klugscheißer "Polizie, Kinderarbeit". Na ja, dafür sind heute die meisten Gören und Jugendlichen rotzfrech und verdorben und auf einem Kartoffelacker würden sie sich wahrscheinlich nur bücken, wenn er vorher mit einem Teppich ausgelegt wurde. Sie haben keine Ahnung, was es wirklch heißt ein Kind zu sein.