Ich war wieder einmal mit Pinki im Park unterwegs. Sie ist ein Dackel, der auf "drei Rädern" schneller ist als mancher Windhund. Drei Räder, weil sie einen Geburtsfehler hat und ein Hinterlauf nicht oder nur eingeschränkt benutzen kann. Wir hatten den See umrundet und Pinki hatte wieder einmal die eine oder andere Freundschaft geschlossen, so getan als wäre sie ein Riese der jedoch immer rechtzeitig den Kopf einzieht und sich lieb Kind bei alten Damen gemacht.

Auf einmal rannte sie los. Gut Einhundert Meter vor uns saß ein alter Mann auf einer Bank unter einem Baum, dessen Blätter wie Gold in der Nachmittagsonne leuchteten. Er war offensichtlich ihr Ziel. Wie es ihre Art war stürmte sie auf den Mann zu, legte ihre Vorderpfoten auf seine Knie und hüpfte auf und ab, wobei sie leise fiepte.

Der Alte hob den Kopf und sah sie an. Lächelnd streichelte er ihr über den Kopf und seine Stimme war zittrig als er „Na meine Kleine...du bist aber ein stürmisches kleines Ding...“ sagte. Pinki hielt das für eine Liebeserklärung, denn sie sprang auf seinen Schoß und leckte ihm über das Gesicht, was für mich der Anlass war einzugreifen. Es gibt nichts schlimmeres, als wenn Menschen sich das Gesicht von ihren Tieren abschlecken lassen... Aber manchmal hört dieser Teufelsbraten auf mich und als ich deutlich „Pinki aus“ sagte, ließ sie von dem faltenreichen Gesicht ab und sah mich wie die reinste Unschuld an.

„Ach lassen Sie nur“ meinte der Alte „Echte Zuneigung ist kostbar... wir verlieren sie nur allzu schnell“ meinte der Alte. Die Art, wie er das sagte, veranlasste mich dazu, mich neben ihn zu setzen, worauf Pinki ihre Zuneigung teilte und sich zwischen uns auf die Bank drängelte.

„Jaaa, dieses kleine Wesen hat soviel Liebe zu geben...“ meinte er mit leiser Stimme. So saßen wir dann eine Weile stumm auf der Bank und die Sonne wärmte uns.

Auf einmal begann er leise zu erzählen. "Ich bin nun 96 Jahre alt und seit 10 Jahren allein. Meine Frau starb durch einen verdammten Säufer am Steuer..." Seine Worte und Stimmer verrieten, wie sehr es ihn noch immer aufregte und zornig machte und ich sollte bald erfahren, wie menschenverachtend die Justiz mit ihm umgegangen war, als er nach einer Weile fortfuhr: "Sie wollte in die Apotheke und ein Medikament für mich holen, aber es war schon spät und sie musste etwas weiter an den Stadtrand fahren, weil dort die nächste Notfallapotheke war... Na ja... sie stieg aus dem Wagen... sie war auch schon siebzig, aber so voller Lebensfreude und - wie sagt man heute - fit wie ein Turnschuh oder so... als sie ausstieg kam dieses andere Auto und hat sie überfahren. Er war so schnell, dass es die Fahrertür unseres Autos abgerissen hat..." Wieder fiel er einige Minuten in Schweigen und ich fragte mich, warum er mir das erzählte, es war doch schon ziemlich persönlich. Andererseits war er schon recht alt und hat das Bedürfnis mit jemanden zu sprechen. Nun, man sagt ich wäre ein guter Zuhörer.

"Mitten in der Nacht klingelte die Polizei an meiner Tür. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie spät es war, weil ich eingeschlafen war... Sie sagten mir, dass meine Frau tot gefahren wurde - angeblich hat sie nichts gespürt... aber woher wollen die das wissen? Es gibt Untersuchungen...ja, ja... aber wer weiß schon, was Menschen in so einem Augenblick wirklich spüren und was nicht. Am nächsten Tag hatte ich meinen ersten Herzinfarkt und sechs Monate später einen weiteren... sie fehlt mir so sehr..." Er atmete schwer, saß mit geschlossenen Augen neben mir und schwieg. Als wollte Pinki ihm ihre Zuneigung zeigen, kletterte sie auf seinen Schoß und legte sich wie ein Kleinkind in seine Arme.

Der Alte lächelte und streichelt sanft ihren Kopf, was ihr natürlich ausgesprochen gut gefiel, wie ihr heftig in Bewegung geratener Schwanz zeigt. "Jaa, du bist so stürmisch und hast soviel Liebe zu geben und ich glaube, du hast es gut mit deinem Herrchen getroffen. Hmhm ja, meine Elli hätte sich sofort in dich verliebt... sie sieht uns jetzt wahrscheinlich zu und freut sich über dich. Ich habe meine Elli in einem Restaurant kennen gelernt, weißt du. Ich war da als Aushilfskellner und sie war mit einem furchtbar arroganten Kerl da. Meiner Elli fiel ihr Weinglas herunter und ich wollte die Scherben aufheben und sie wollte es auch. Es kam wie es kommen musste, wir stießen mit den Köpfen zusammen, was ihr ziemlich weh tat. Ich habe dann etwas Eis aus der Küche geholt und es ihr auf die schmerzende Stelle gelegt. Da sie mir aber damals schon so gefiel, war ich etwas ungeschickt und stieß ihren Teller vom Tisch. Ich wollte ihn noch auffangen und bückte mich, aber meine Elli hatte die gleiche Idee und wir stießen noch einmal zusammen...ja, ja, manchmal ist das Leben ziemlich verrückt. Der andere Kerl war sauer" erzählte er und kraulte Pinki den Bauch, was die mit einem wohligem Knurren quittierte. "Oh ja, der war vielleicht ungehalten und forderte Elli ziemlich unfreundlich zu gehen auf. Dummerweise war das Eis inzwischen geschmolzen und als sie aufstand und sich zum gehen umdrehte, rutsche sie auf dem nassen Boden aus und versuchte sich an mir fest zu halten".

Der Alte machte eine Pause, denn die Erinnerung brachte ihn zum lachen und als er mich ansah, waren seine Augen gar nicht mehr müde, sie strahlten vor Vergnügen, während ein breites Lachen sein Gesicht verjüngte. "Na ja, dass konnte nicht gutgehen. Meine Jule brachte mich aus dem Gleichgewicht und schließlich saß ich mit den Ohren zwischen meinen Knien da und sie lag neben mir am Boden. Wir sahen uns an und konnten nicht anders, wir haben von Herzen gelacht. Ich weiß nicht warum und sie wusste nicht, dass ich Josef heiße aber sie nannte mich von da nur noch Jossel... und wir haben vier Wochen später geheiratet...". Wieder hielt er inne,  saß leicht gebeugt und schweigend neben mir, er lächelte, als konnte er seine Elli hören, die ihn wie früher mit seinem Spitznamen rief, dieses liebevolle: „Jooossel“

So saßen wir da und betrachteten die Farbenpracht der Bäume an diesem frühlingshaften Oktobertag. Schließlich sah er mich an „Wir Menschen haben viel zu wenig Zeit. Lebe dein Leben. Lebe im Heute, blicke nicht zurück. Wenn du glücklich sein oder werden willst- lebe heute, du kannst die Vergangenheit nicht ändern - Verschwende deine Zeit nicht mit ihr, egal ob sie schön oder schmerzhaft war - glücklich sein - die Liebe erleben kannst du nur im hier und heute, denn du weißt nicht, was Morgen sein wird“. Er nickte bekräftigend und lächelte. Nach einer Weile hörte ich seine letzten Worte, die nur noch ein Flüstern waren, während er gegen meine Schulter sank so dass ich ihn auffing, weil ich fürchtete, er würde von der Bank fallen

„Danke, dass du da bist… ich gehe jetzt endlich nach Hause – zu meiner Elli“.

Er tat einen tiefen Atemzug, schaute den goldenen Baum an und ich spürte, wie sein Körper sich entspannte. Seine Augen schauten in eine ungekannte Ferne und ein Schimmer von Glück und unendlichem Frieden lag auf seinem Gesicht.

Ich bettete ihn auf die Bank und rief die 112. Als sie ihn mitgenommen hatten, saß ich noch eine Weile auf der Bank des goldenen Baumes, legte mein Gesicht in meine Hände und musste heftig weinen. Ich weiß nicht warum, aber ich weinte eine ganze Weile und irgendwie fielen einige der Lasten von mir ab, denen ich nicht zu entkommen geglaubt hatte. Mein kleiner Dackel konzentrierte ihre ganze Liebe nun auf mich und tat alles um mich zu trösten und... ja, Tiere sind eine besondere Spezies, es gelang ihr schließlich, dass ich mich beruhigte. Doch auch noch auf dem Weg nach Hause liefen mir Tränen über die Wangen… aber mit jedem Schritt fühlte ich mich freier, dem Leben näher. Dieser alte Mann hatte mir ein nicht greifbares aber sehr großes Geschenk gemacht. Ich kann es nicht beschreiben, es ist wie eine Erkenntnis meiner Seele... Danke Jossel.